Kampfzone Grossraumbüro

In vielen Zürcher Betrieben sind Grossraumbüros die Regel. Nicht immer zum Vorteil der Angestellten, die mit einem erhöhten Lärmpegel und Konfliktpotenzial klarkommen müssen.

«Die Stimmung zwischen den Abteilungen auf unserem Stockwerk ist auf dem Nullpunkt», erzählt ein Mitarbeiter eines Medienunternehmens, der anonym bleiben will. «Schuld daran ist das Grossraumbüro. Weil alle Abteilungen intensiv telefonieren und sich austauschen müssen, herrscht ein konstant hoher Lärmpegel. Und jeder hat das Gefühl, der andere spreche besonders laut, und versucht deshalb, diesen zu übertönen, wenn er selbst in ein Gespräch verwickelt ist.» Zudem werde ruhiges, konzentriertes Arbeiten, das auch zum Beschäftigungsprofil gehöre, erschwert. «Spricht man den oder die Verursacher darauf an, heisst es sofort, man solle sich zuerst selber an der Nase nehmen.» Das Ganze habe zur Folge, dass man aus den nichtigsten Gründen aneinandergeraten und sich ansonsten mit Nichtbeachtung strafen würde. «Und die jeweiligen Vorgesetzten haben keine Lust oder sehen keinen Anlass, einzugreifen.»

Die Erfahrungen des Medienmitarbeiters sind bei weitem kein Einzelfall. Eine Umfrage bei einigen Grossunternehmen in der Stadt Zürich zeigt, dass die Problematik – zumindest in abgeschwächter Form – auch dort bekannt ist. «Diese Unstimmigkeiten treten vor allem dann auf, wenn sehr viele Mitarbeitende in den Büros sind», heisst es etwa von Siemens Schweiz auf Anfrage. In solchen Fällen würde man die Probleme ansprechen und/oder sich in einen der vielen Thinktanks zurückziehen, um in Ruhe arbeiten zu können bzw. längere Gespräche zu führen. Ähnliches gilt für den Mig­ros-Genossenschafts-Bund, wo die dafür vorgesehenen Räumlichkeiten «rege genutzt werden».

Abgeschirmte Zellen

Bei Swiss Re begegnet man der Problematik mit flexiblen Arbeitsumgebungen. «Unsere Umfragen zeigen, dass unsere Belegschaft sehr zufrieden mit diesem Konzept ist. Es bietet unterschiedliche Arbeitsräume für konzentriertes Arbeiten, kreativen Austausch oder intensive Zusammenarbeit.» Dazu würden etwa kleinere Büros, Rückzugsräume, Sitzungszimmer, aber auch Home­office gehören.

Die Stadt als Arbeitgeberin geht grundsätzlich davon aus, «dass gut konzipierte Grossraumbüros eine valable Option sind und Arbeitsplätze in hoher Qualität erlauben», wie Matthias Wyssmann, Leiter Kommunikation des Hochbaudepartements, schreibt. «Die Einrichtung. Genau das ist der entscheidende Punkt», findet Susanne Zumbühl, Knigge-Expertin und Unternehmensberaterin. «Besteht ein Grossraumbüro aus kleinen, durch Lärmschutzwände abgeschirmten Zellen, sind Emissionen viel geringer. Trotzdem kann eine gewisse Intimsphäre gewahrt werden, und man bekommt alle wichtigen Informationen mit.»

Laut Zumbühl hätten Vorgesetzte bzw. Arbeitgeber die Pflicht, den Mitarbeitern einen «angemessenen Arbeitsplatz» zur Verfügung zu stellen. Das bedeute unter anderem auch, dass man Abteilungen mit geringen von denen mit viel Kommunikationsaktivitäten trenne. «Versuchen Sie aber immer erst, auf bilateralem Weg eine Lösung zu finden. Nur wer auf taube Ohren stösst, sollte sich an den Chef wenden.»

Tagblatt der Stadt Zürich,
11. Okt 2016