Es lebe die Öffentlichkeit!

Ja, da gibt es viel zu sehen, zu riechen und anderes mehr. Das heutige Leben spielt sich praktisch nur noch auf dieser, der öffentlichen Ebene ab. Eine Intimsphäre … was ist das? Respekt und Anstand … was sind das? Rücksichtnahme … was ist das? Auch an andere denken oder diese einbeziehen … was ist das? Im ÖV und auf öffentlichem Grund findet alles statt, selbst Dinge, die eigentlich in den Privatraum gehören. Fingernägel werden geschnitten, die verstopfte Nase wird durch Hochziehen genüsslich entleert, Gähnen wird durch die dazu passenden tierischen Töne untermauert, Make-up und Frisur werden zurechtgerückt, selbst Fussnägel werden gekürzt, Fingernägel geschliffen, und das im öffentlichen Raum. Auch bei Tisch im Restaurant oder auf der Strasse wird das Messer abgeleckt, die Ellbogen liegen auf dem Tisch, es wird genüsslich geschmatzt und mit vollem Mund gesprochen. Herrlich für das Vis-à-vis, dies anzusehen und anzuhören. Mensch kennt keine Grenzen! Wie hat man so schön gelernt: Intimsphäre oder Privatsphäre beträgt mindestens eine Armlänge, damit sich jeder wohlfühlt. Oder hat sich auch dieses Gefühl verändert? Durch Social Media verfliessen die Grenzen. Jedes und alles wird der Menschheit gezeigt und an die Öffentlichkeit getragen. Sind alle anderen Menschen daran interessiert, was sie tun? Ich nicht! Und viele andere Leute auch nicht! Durch die weltweite Bekanntmachung verliert manch schöner Moment seinen Reiz. Es wirkt alles so banal und abgedroschen. Ich freue mich auf den Zeitpunkt, an dem einiges wieder privat bleibt. Auf den Moment, an dem Anstand und Respekt vermehrt realisiert und ausgelebt werden.

Tagblatt der Stadt Zürich,
20. Feb 2019