«Es ist unanständig, sich im Zug zu schminken»

In Japan werden Frauen ermahnt, sich nicht im Zug zu schminken. Dies ist auch für Schweizer Knigge-Experten eine Unsitte.

Frühmorgens im Zug von St. Gallen nach Zürich: Eine junge Frau zückt aus ihrer Tasche einen Eyeliner und zieht sich mit konzentriertem Blick den Lidstrich nach. Nach und nach trägt sie auch noch Wimpertusche und Lippenstift auf, während ihr die anderen Fahrgäste verwundert zusehen.

Eine japanische Bahngesellschaft will solche Szenen nicht mehr in ihren Waggons sehen, wie die Zeitung «Japan Times» berichtete. Deshalb hat die Tokyu Corporation ein Video produziert, das Frauen ermahnt, sich nicht mehr im Zug zu schminken. Im Clip sagt eine junge Japanerin: «Die Frauen in der Stadt sind schön, aber sie können manchmal auch hässlich sein.»Dann beginnt sie wild im Abteil herumzutanzen und fragt die sich schminkenden Passagiere: «Warum kannst du das nicht zu Hause machen?»

«Wer sich im Zug schminkt, ist Abschaum»

Ob es angebracht ist, sich im Zug zu schminken, wird auch in unseren Breitengraden kontrovers diskutiert, wie zahlreiche Twittereinträge zeigen:

Manche bewundern jedoch auch die Präzision,welche Frauen beim Schminken im Zug an den Tag legen:

«Mir ist keine Regel bekannt»

Gemäss Schweizer Knigge-Expertin Susanne Zumbühl, Inhaberin der Beratung «Susanne Zumbühl, authentisch sein», ist das Schminken in der Öffentlichkeit grundsätzlich inakzeptabel. «Auch wenn man sich nach dem Essen kurz die Lippen nachziehen muss, sollte man dafür auf die Toilette gehen.»
Grundsätzlich gelte es, im öffentlichen Verkehr alles zu unterlassen, was das Gegenüber stören könnte. Dazu gehöre etwa auch das Verzehren von Speisen.

Anneliese Stengel, ebenfalls Knigge-Expertin, sieht es nicht ganz so eng. Der Inhaberin von Stengel Image Gestaltung sind keine Regeln zum Schminken im ÖV bekannt. Allerdings sehe «keine Frau besonders schön aus, wenn sie sich im Gesicht herummalt». Es sei besser, die Mitfahrenden im Zug mit den Augen freundlich zu begrüssen. Eine Frau mit Stil gehe fertig gekleidet und geschminkt aus dem Haus.

Viele würden sich im Zug aber viel schlimmere Etiketten-Sünden erlauben, etwa die Füsse auf den Sitz zu legen, sagt Stengel. «Ich würde sagen: Zur Not und sofern man in einem leeren Abteil sitzt, ist es auch in Ordnung, sich kurz im Zug zurechtzumachen.»

Grapscher statt Schminksünder

Zumindest in Japan geriet die Offensive der Tokyu Corporation vielen Pendlern jedoch in den falschen Hals. Auf Twitter beschwert sich eine Frau: «Wenn die Firma gegen Leute vorgehen will, die andere stören, sollte ihre Werbung Leute mit starken Körpergeruch ansprechen, oder die, die nach Alkohol und Erbrochenem riechen.»

Eine Nutzerin schrieb in der Kommentarsektion der Japan Times: «Haben sie auch ein lustiges Video über die Grapscher in den Zügen gemacht? Ich denke das ist ein wichtigeres Thema als Leute, die versuchen gut auszusehen.» Einige schliessen sich der Meinung der Tokyu Corporation jedoch an: «Das ist so egoistisch, jetzt verstehe ich, warum junge japanische Männer lieber single sind. Kein echter Mann würde sich von einer Frau angezogen fühlen, die er vorher im Zug dabei beobachtet hat, wie sie sich vorzeigbar macht.»

20 Minuten,
14. Nov 2016