«Die drei Küsschen gehören abgeschafft»

von D. Pomper – Drei Küsschen, eine Umarmung oder doch ein Handschlag? Über das korrekte Begrüssungsritual herrscht grosse Verwirrung, denn es findet ein Wandel statt.

Ein Mann begegnet einer flüchtigen Bekannten. In seinem Kopf rattert es. Wie soll er sie begrüssen? Einfach nur «Hallo» sagen? Die Hand reichen? Drei Küsschen geben? Sie flüchtig umarmen? Er entscheidet sich für die Küsschenvariante, er will ja nicht steif rüberkommen. Zu spät merkt er, dass sie sich für Variante eins entschieden hat. Nun gilt es nur noch einen Kopfstoss zu vermeiden. – Zwei Freundinnen treffen sich. Die eine setzt zur Umarmung an, die andere zum Küsschen. Die Übung endet mit einem ungewollten Kuss auf den Mund. Ungelenk auch die Begrüssung zweier junger Männer. Während einer zum coolen Handschlag ausholt, streckt der andere die Hand aus.

«Bei den Begrüssungsritualen herrscht heute zum Teil grosse Verwirrung», sagt Knigge-Expertin Susanne Zumbühl. Auch sie sei schon von jemandem «geknuddelt» worden, den sie kaum kannte. Sie habe sich überrumpelt und in ihrer Intimsphäre verletzt gefühlt: «Es gibt Hühnerhaut, wenn einem jemand zu nahe kommt.»

Unzählige Missverständnisse

Kolumnistin Julia Hackober schreibt auf Welt.de: «Unzählige Missverständnisse und verunglückte Umarmung-nein-doch-nur-Handschlag-Situationen haben bei mir zu einer wahren Manie geführt.» Bevor es zur Begrüssung komme, versuche sie abzuklären: Wie gut bin ich mit dieser Person befreundet? Oder sind wir nur Bekannte? Wie haben wir uns beim letzten Mal begrüsst? Allerdings mit mässigem Erfolg.

Der Zürcher Schriftsteller Thomas Meyer ärgert sich vor allem über die «doofen drei Küsschen», die einem manchmal von Damen «regelrecht aufgenötigt» würden. Deshalb begrüsse er alle mit der Hand. Menschen, die ihm nahestünden, umarme er. «Ich verstehe die Küsschen nicht – wenn schon, reicht eines.»

Vorbildlicher Einzelknuddel

Tatsächlich ist bei den Begrüssungsritualen ein Wandel im Gang. Stilexperte Jeroen van Rooijen beobachtet, dass sich die jungen Leute zur Begrüssung einfach umarmen: «Sie drücken sich einmal und sind damit zufrieden.» Der Einzelknuddel sei vorbildlich. «Er hat etwas Vertrautes und ist unkompliziert. Im Gegensatz zur mühsamen Links-rechts-links-Küsserei, die glücklicherweise zunehmend verschwindet.» Das käme erstens Brillenträgern zugute. Zweitens blieben Frauen mit ihren langen Haaren nicht mehr in den Bärten ihrer männlichen Gegenüber hängen. «Die klassischen drei Küsschen gehören abgeschafft», sagt van Rooijen. Und die, die sie noch praktizierten – vor allem die über-30-Jährigen – sollten sich davon verabschieden. «Sie wirken gestelzt, förmlich und altbacken.»

Kolumnistin Hackober findet die «angedeutete, distanzierte Umarmung als international verständliche Begrüssungs- und Verabschiedungsgeste» noch am erträglichsten. Ansonsten empfiehlt sie denen, die eine ganze Gruppe vor sich haben, innerhalb derer man mit manchen richtig gut befreundet ist, andere jedoch kaum oder gar nicht kennt, folgenden Trick: «Ich winke aus der Ferne fröhlich in die Runde und rufe ‹Hallo Ihr alle, fühlt Euch gedrückt!›»

20 Minuten,
17. Nov 2016